Anfang Oktober steige ich in San Francisco ins Flugzeug. Es geht in Richtung Deutschland, weiter in die Türkei und von dort aus über den Mittleren Osten nach Kathmandu, die Hauptstadt von Nepal. Wenn alles nach Plan läuft, beginnt am nächsten Morgen ein Projekt, von dem ich seit 2 Jahren träume und inzwischen auch seit Monaten dran arbeite: die Nepal Heritage Landrace Expedition 2026. Eine Expedition entlang des Himalaya-Gebirges, in einer Region in der Cannabis schon seit tausenden von Jahren wächst.
Angefangen hat das Ganze um ehrlich zu sein mit einem Traum. Alte Berichten über Cannabis in Nepal haben es mir spätestens nach meiner ersten Sam the Skunkman-Recherche vor einigen Jahren angetan. Viele kleine Orte und abgelegene Dörfer auf einer Karte – das wollte ich mir unbedingt selbst anschauen. Vor einigen Monaten habe ich dann angefangen intensiv zu planen und ein kleines Team zusammengestellt.
Die leitende Frage ist im Allgemeinen, was von traditionellen Cannabis-Populationen in Nepal heute eigentlich noch zu finden ist.
Inzwischen habe ich viele Stunden in die Planung gesteckt und eine Route quer durch mehrere Regionen ausgearbeitet, eine eigene Offline-Anwendung für die Feldarbeit gebaut, verschiedene Messgeräte für Feldtests organisiert und ein Film-Projekt angeleihert.
Im Moment sitze ich noch in Nordkalifornien zwischen QGIS-Karten, DIY-Ultralight-Equipment und einer stetig kürzer werdenden Liste an Dingen, die vor dem Abflug noch erledigt oder gekauft werden müssen. So langsam wird aus der endlosen Planung eine tatsächliche Reise. I’m hyped!
Von Nordkalifornien nach Nepal
Wer meine Artikel auf CannabisBlog.eu schon länger liest, kennt wahrscheinlich meine Tendenz, bei Cannabis-Geschichte irgendwann in tiefen Rabbit Holes zu verschwinden. Bei Girl Scout Cookies landete ich in alten Forenthreads, bei Skunk irgendwann in den 60ern und der nordkalifornischen Gegenkultur und hier im Emerald Triangle zwischen Geschichten, die seit Jahrzehnten zwischen Growern weitergegeben werden. Ich folge meinen Interessen so gut ich kann intuitiv.
Wenn man sich mit alten Genetiken beschäftigt, fällt einem schnell auf, dass die Strainnamen auf den Stammbäumen irgendwann verschwinden. Stattdessen stehen dan dann irgendwann nur noch Regionen: Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal.
Das weckte mein Interesse. Auch in David Watsons Unterlagen (Sam the Skunkman, siehe Skunk-Artikel) habe ich alte Fotos vom Hippie Trail und auch seiner Zeit in Nepal entdeckt.
David Watson aka Sam the Skunkman, Anfang der 70er Jahre in Kathmandu, Nepal (Eden Hashish Center)
Cannabis ist heutzutage in Nepal nicht legal (auch wenn es momentan politisch debattiert wird, eine legale Industrie steht im Raum), jedoch ist die Pflanze selbst stark mit der nepalesischen Kultur, die anteilig buddhistische und hinduistische Einflüsse hat, verwoben. Quer durch das Land wächst Cannabis, oft als Beikraut oder Wegpflanze, manchmal auch kukltiviert für die Faser- Samen- oder Hashish- und Blütenproduktion, oft auch verwildert.
Mich interessiert deshalb eine grundlegende Frage:
Was finden wir heute tatsächlich vor Ort?
Welche Cannabis-Populationen wachsen in den Regionen auf unserer Route? Wie unterscheiden sie sich? Wie groß ist die Variation innerhalb eines Standorts? Unter welchen Bedingungen wachsen die Pflanzen und was erzählen Menschen, die dort leben, über ihren Umgang damit? Was sind echte Landraces, was ist verwildert?
Meine Arbeit der vergangenen Monate im Emerald Triangle hat meinen Blick darauf wahrscheinlich noch einmal verändert. Ich habe Farmen besucht, Grower und Breeder interviewt und immer wieder gemerkt, wie wichtig der Erhalt von echter Cannabis-Geschichte ist. In Nepal möchte ich deshalb strategisch dokumentieren, statt irgendwann rückwirkend zu versuchen, aus Geschichten eine saubere Chronologie zu bauen oder Daten zu erheben.
Populationen statt Strainnamen – der technische Hintergrund
Ich möchte nicht durch Nepal laufen, Pflanzen fotografieren und anschließend jedem Tal irgendeinen neuen Strainnamen verpassen. Für mich geht es zunächst um Populationen und darum, jeden Fundort so sauber wie möglich für sich zu dokumentieren.
Wir schauen uns unter anderem Wuchsform, Blattstruktur, Internodien, Entwicklungsstand der Blüten, Harzbesatz und die Variation zwischen einzelnen Pflanzen an. Dazu kommen Standortdaten: GPS, Höhenlage, Habitat-Fotos und Notizen.
Für die Messungen nehme ich zwei Geräte von Bluelab mit, vielen Dank an dieser Stelle für die Unterstützung! Der Bluelab Pulse misst EC, volumetrische Feuchtigkeit und Temperatur im Substrat. Mit dem Bluelab Soil pH Pen können wir zusätzlich pH und Temperatur direkt im Boden beziehungsweise Wurzelbereich messen.
Bluelab Pulse
Bluelab Soil pH Pen
Dabei muss man allerdings realistisch bleiben. Der Pulse benötigt beispielsweise ausreichend Feuchtigkeit im Substrat, damit insbesondere die EC-Messung sinnvoll funktioniert. Bei sehr trockenem, steinigem oder anderweitig ungeeignetem Untergrund wird nicht jeder Wert gemessen werden können.
Das ist jedoch kein Problem. Wenn eine Pflanze zwischen Steinen wächst und eine bestimmte Messung dort keinen Sinn ergibt, bleibt das entsprechende Feld leer. Anschließend wird notieren wir es dann dem notiert – auch das kann später spannend sein.
Die Messgeräte machen aus unserer Reise keine wissenschaftliche Feldstudie, aber sie geben uns die Möglichkeit, unsere Beobachtungen an den Standorten mit zusätzlichen Messwerten zu verbinden und später zu schauen, welche Vergleiche überhaupt sinnvoll sind und wo mögliche Zusammenhänge bestehen.
Die Field Journal App – Nepal Heritage Landrace Expedition 2026
Genau dafür habe ich in den vergangenen Monaten außerdem ein eigenes Offline Field Journal gebaut. Jede Population bekommt dort eine ID, unter der GPS, Höhenlage, Messwerte, Habitat, Fotos und Beobachtungen zusammenlaufen. Das Ganze funktioniert auf meinem iPhone ohne Internet und lässt sich später einfach und sicher exportieren. Die GPS Werte werden wir außerdem mit einem Garmin Tracker erfassen.
Am Ende interessiert mich weniger, möglichst viele Populationen auf einer Karte zu sehen, als einige davon vernünftig dokumentiert zu haben.
Was haben wir gesehen – und was wurde uns erzählt?
Ein Punkt zieht sich durch die gesamte Vorbereitung: Ich möchte verschiedene Arten von Informationen nicht miteinander vermischen.
Wenn wir eine Pflanze fotografieren und bestimmte Merkmale dokumentieren, ist das eine Beobachtung. Das GPS zeigt 2.300 Meter an oder ein Gerät einen bestimmten Bodenwert, dann haben wir eine Messung. Wenn uns jemand erzählt, dass seine Familie eine Population seit mehreren Generationen anbaut, haben wir zunächst die Aussage dieser Person. Erst danach kommt die Interpretation.
Das klingt eigentlich selbstverständlich. Bei Cannabis-Geschichte ist es das leider erstaunlich oft nicht. Gerade bei alten Genetiken werden Erzählungen irgendwann zu vermeintlich gesicherten Stammbäumen, aus einer Erinnerung wird eine Jahreszahl und aus einer Geschichte, die zehn Menschen weitererzählt haben, plötzlich eine historische Tatsache, die am Ende dann doch nicht stimmt.
Oral History ist für mich trotzdem enorm wichtig. Gerade in Regionen, in denen bestimmte Formen von Wissen nie systematisch dokumentiert wurden, können Gespräche Dinge sichtbar machen, die in keiner Datenbank auftauchen.
Vom Kathmandu Valley über Annapurna nach Westnepal
Unsere Route beginnt rund um Kathmandu. Danach geht es Richtung Pokhara und weiter in die Annapurna-Vorberge nach Ghandruk und Chhomrong.
Von dort fahren wir zurück Richtung Pokhara und anschließend weiter in den Westen. Über Beni und Darbang geht es Richtung Dhorpatan. Danach beginnt der längere Trekking-Abschnitt über mehrere Orte in Westnepal bis in Richtung Sulichaur. Wir sind rund 30 Tage unterwegs, mit leichtem Gepäck von Teehaus zu Teehaus.
Ich habe habe viel Zeit mit dieser Route in QGIS (einem Programm zur Kartografie) verbracht. Ich gehe allerdings davon aus, dass einige Etappen spontan angepasst werden. Im September gab es eine schreckliche Flut nach einem Gletscherrutsch. Das Wetter ist momentan immer noch ziemlich chaotisch, daher werden wir diesbezüglich flexibel bleiben müssen.
Straßenbedingungen, Wetter, Busse und Informationen, die wir unterwegs bekommen, können den Ablauf ziemlich schnell verändern. Gerade deshalb haben wir für die Reise knapp vier Wochen eingeplant.
Charas – das Handwerk hinter dem Namen
Charas bekommt innerhalb des Projekts einen eigenen Schwerpunkt.
Gemeint ist traditionell Cannabis-Harz/Hashish, das durch das Reiben lebender blühender Pflanzen mit den Händen gesammelt wird. Diese Form der Harzgewinnung ist für Nepal und Nordindien historisch ziemlich gut dokumentiert.
Mich interessiert welche Pflanzen dafür genutzt werden. Wann werden sie verarbeitet? Wie arbeiten Menschen tatsächlich mit den Pflanzen? Unterscheiden sich die Techniken zwischen verschiedenen Regionen oder Familien? Wie wird dieses Wissen weitergegeben und welche Rolle spielt Charas heute überhaupt noch an den Orten, die wir besuchen?
Gerade bei Cannabis aus dem Himalaya wird in der westlichen Welt unglaublich schnell romantisiert. Ein Produkt bekommt irgendwo „Himalayan“ auf das Label geschrieben und ein paar Jahre später hängt eine komplette Herkunftsgeschichte daran. Solche Geschichten können stimmen. Sie sind aber genauso oft Marketing oder einfach nur Cannabis-Lore. Wir werden deshalb auch beim Charas nicht mit einer fertigen Geschichte anreisen.
Preservation – und was nach der Dokumentation kommt
Mit der Blütenbande aus Hamburg (CSC) ist inzwischen auch ein Preservation Partner Teil des Projekts. Das passt ziemlich gut zu dem, worum es bei der Expedition grundsätzlich geht. Bevor man sinnvoll über Erhaltung sprechen kann, sollte zunächst dokumentiert werden, wo eine Population vorkommt, wie sie aussieht, unter welchen Bedingungen sie wächst und welche Informationen dazu vorliegen. Genau diese Grundlage wollen wir schaffen.
Blütenbande als Preservation-Partner
Die Zusammenarbeit mit der Blütenbande soll deshalb nicht mit der Expedition enden. Die Felddaten, fotografische Dokumentation und auch die spätere Einordnung der Populationen gehören genauso zum Preservation-Gedanken wie die Frage, wie diese Genetik langfristig sinnvoll erhalten und zugänglich gemacht werden kann.
Danke an die Community!
Das Ganze wäre in dieser Form ohne Unterstützung ohnehin nicht entstanden. Aus dieser coolen aber ursprünglich ziemlich kleinen Idee wurde über die vergangenen Monate ein Community-Projekt. Die Online-Kampagne, die Blütenbande, Bluelab und viele weitere Unterstützer die wir teilweise bald noch vorstellen, haben uns ermöglicht, mehr Zeit in die Vorbereitung der Feldarbeit, vernünftige Messgeräte und die Dokumentation als solche zu stecken. Vielen Dank!
Ich fliege mit Handgepäck nach Kathmandu und kaufe und leihe einen Teil meiner finalen Trekking-Ausrüstung erst dort. In den vergangenen Wochen habe ich wahrscheinlich mehr Zeit mit Zip Bags, Powerbanks und Rucksackmaßen verbracht, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Dabei ist ein cooles Lighweight-Setup entstanden. Aber ich reise nicht allein!
Die Kamera kommt mit – Wir machen eine Doku zur Nepal Heritage Landrace Expedition 2026
Nepal Heritage Landrace Expedition 2026 – das ruft doch schon nach einer Doku. Irgendwann während der Planung ist aus der Expedition noch ein zweites Projekt gewachsen: Wir drehen eine Dokumentation! Die Reise wird von einem befreundeten Filmemacher begleiten. So können wir nicht nur die einzelnen Populationen und Messungen dokumentieren, sondern auch die Reise selbst, Gespräche vor Ort und die Arbeit zwischen den Standorten festhalten. Ein fertiges Drehbuch gibt es nicht. Was am Ende tatsächlich die Geschichte des Films trägt, wissen wir auch noch nicht. Vielleicht entsteht aus einem Gespräch heraus etwas, das bisher noch überhaupt nicht Teil unserer Planung ist.
Genau dafür fahren wir nach Nepal – Abenteuer, Menschen & Kultur!
Die Reise liefert erst das Material
Nach vier Wochen in Nepal werden wir vermutlich einen ziemlichen Berg aus Field Notes, Messwerten, Fotos, Interviews und Filmaufnahmen haben. Und dann beginnt für mich die eigentliche journalistische Arbeit.
Auf CannabisBlog.eu möchte ich die Regionen und Populationen später einzeln behandeln, statt alles in einen einzigen großen Nepal-Reisebericht zu pressen, daher auch jetzt schon eine Ankündigung. Einige Geschichten werden wahrscheinlich stärker in Richtung Genetik gehen, andere werden sich um Menschen, Charas oder Cannabis-Geschichte drehen.
Auch bei den Daten möchte ich transparent bleiben. Wo Vergleiche sinnvoll sind, können wir sie machen. Wo die Bedingungen zu unterschiedlich waren oder Informationen fehlen, gehört genau das ebenfalls zur Auswertung. Mitte Oktober geht es los. Unterwegs werde ich versuchen, immer wieder Content über Instagram zu teilen, soweit Zeit und Internet das zulassen.
Der ausführliche Teil kommt danach!
