Manche Namen gehören einfach zur Geschichte der modernen Cannabis-Kultur. Jorge Cervantes ist einer davon. Lange bevor Grow-Wissen über YouTube, Foren oder Social Media jederzeit abrufbar war, haben seine Bücher und Videos Generationen von Growern begleitet. Für viele ist Jorge nicht einfach nur ein Autor, sondern einer der Menschen, die Cannabis-Wissen ihnen erst zugänglich gemacht haben. Zu einer Zeit, in der genau dieses Wissen noch schwer zu finden war und teilweise ein echtes Risiko darstellte.
Sein bekanntestes Buch, Indoor Marijuana Horticulture, erschien bereits 1983 und wurde über die Jahre zu einem der bekanntesten Grow-Bücher überhaupt. Auch in meinem Regal steht es. Gleichzeitig begann seine Arbeit in einer Zeit, in der Cannabis in den USA noch vollständig im Underground stattfinden musste und die Vermittlung von Anbauwissen schnell die Aufmerksamkeit der US-Behörden auf sich ziehen konnte.
Ich traf Jorge Cervantes zum ersten Mal 2024 auf der Mary Jane Berlin, gemeinsam mit Ed Rosenthal, den ich auch kürzlich interviewed habe. Beide gehören für mich zu einer Generation, die einen großen Teil des Grow-Wissens geprägt hat, auf das heute ganz selbstverständlich zurückgegriffen wird. Die OG’s.
Für das Interview wollte ich deshalb nicht nur über Cannabis-Anbau sprechen, sondern auch darüber, wie George Van Patten überhaupt zu Jorge Cervantes wurde, wie sein erstes Buch entstand, wie er die Zeit des War on Drugs erlebt hat und wie er auf die Cannabis-Community von heute blickt.
Nach einer freundlichen Begrüßung sind wir relativ schnell tief eingetaucht.

1. Wie sah dein Leben als George Van Patten aus, bevor Jorge Cervantes entstand? Wie bist du aufgewachsen und hast deine Jugend verbracht?
Ich bin in Ontario, Oregon, direkt an der Grenze zu Idaho, aufgewachsen. Dort aufzuwachsen war ziemlich sicher und ich konnte mich frei in der ganzen Stadt bewegen. Ich ging dort von der Grundschule bis zur High School zur Schule und anschließend auch ein Jahr aufs Community College. Danach ging ich zum Studieren nach Spanien und später nach Mexiko. Meine Heimatstadt zu verlassen, gab mir die Möglichkeit, einen Teil der Welt kennenzulernen und zu verstehen, dass es überall sehr unterschiedlich ist.
2. Wann hast du Cannabis für dich entdeckt?
Das erste Mal habe ich 1971 in der High School Cannabis geraucht. Wir waren zu viert und rauchten ein Three-Finger Lid, ungefähr 25 Gramm, mexikanisches Dirt Weed. Kurz bevor wir alles aufgeraucht hatten, wurde ich high. Ich wusste sofort, dass all diese verrückten Anti-Cannabis-Geschichten über Gras nicht wahr waren. Ich liebte es, high zu sein!
Anmerkung: Anfang der 1970er war Cannabis unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen längst verbreitet, während Politik und die Öffentlichkeit noch stark von der Anti-Drogen-Rhetorik der Nachkriegszeit geprägt waren. 1970 wurde Cannabis mit dem Controlled Substances Act auf Bundesebene als Schedule-I-Droge eingestuft. Gleichzeitig bestand der US-Markt noch überwiegend aus importiertem Cannabis aus Mexiko und Kolumbien. Das von Cervantes erwähnte mexikanische „Dirt Weed“ – oft gepresst, voller Samen und im Vergleich zu heutigen Sorten sehr schwach – war deshalb für seine Generation der typische Einstieg in Cannabis.
3. Wie kam es 1983 zur Veröffentlichung deines Buches Indoor Marijuana Horticulture, das viele bis heute als Standardwerk betrachten? Erzähl uns die Geschichte von der Idee bis zur ersten Ausgabe.

Nach meinem Universitätsabschluss zog ich nach Santa Barbara, Kalifornien, und begann in den Santa Inez Mountains südlich der Stadt Cannabis anzubauen. Ich hatte ein paar gute Ernten und fing an, größere Mengen entlang der Westküste zu bewegen. Danach reiste ich ungefähr ein Jahr lang durch Südamerika und kam anschließend nach Portland, Oregon, zurück. Indoor-Anbau hatte im Nordwesten der USA und in British Columbia in Kanada gerade erst begonnen (PNW & BC Bud). Ich baute mehrere Indoor-Crops an und hatte großen Erfolg damit. Aber mir fiel auf, dass es sehr viele Fehlinformationen über den Indoor-Anbau von Cannabis gab. Dinge, die einfach keinen Sinn ergaben. In der High School hatte ich bereits bei der lokalen Zeitung gearbeitet und dort alle Bereiche der Redaktion und Produktion einer Zeitung kennengelernt. Desktop Publishing hatte damals gerade erst begonnen. Zu diesem Zeitpunkt entschied ich mich, das Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.
4. Im ersten Jahr soll sich Indoor Marijuana Horticulture ungefähr 6.000 Mal verkauft haben, nachdem du es selbst veröffentlicht und an Headshops und Gartengeschäfte verteilt hattest. Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar wurde, dass dieses kleine Underground-Buch etwas Größeres wurde?
Die ersten Jahre waren wirklichj schwierig. Ich veröffentlichte Indoor Marijuana Horticulture 1983, und einige Jahre später startete die DEA, die Drug Enforcement Agency der USA, die Operation Green Merchant. Bei Razzien gegen Einzelhandelsgeschäfte in 46 Bundesstaaten wurden 120 meiner Freunde verhaftet. Die Welt stand still!
Ich verkaufte weiterhin Bücher, aber die Verkäufe liefen langsam, während der War on Drugs weiterging. Ich habe diese schwierigen Zeiten überstanden. Erst im Jahr 2007 wollten plötzlich sehr, sehr viele Menschen auf einmal lernen, wie man Cannabis anbaut. Da ging der Boom los.
5. Wie groß war das Risiko während der Prohibitionszeit in den USA, Menschen beizubringen, wie man Cannabis anbaut?
Die Polizei kam mehrfach zu mir nach Hause, sowohl im Bundesstaat Washington als auch in Oregon. Ihr Ziel war einfach: Einschüchterung. Sie waren ständig präsent. Razzien gegen Indoor-Grows tauchten regelmäßig in den Schlagzeilen auf. Sie schickten verdeckte Ermittler in meinen Growshop und versuchten, festgenommene Leute dazu zu bringen, gegen mich auszusagen und unter Eid zu lügen.
6. Wie entstanden die Marke und das Alias Jorge Cervantes?
Ein „Nom de plume“, also ein Pseudonym, war damals einfach ein Muss. Vor dem Internet war es noch relativ einfach, seine Identität zu verbergen. Heute können die Polizei und eigentlich jeder deine Identität überprüfen, wenn du eine öffentliche Person bist. Ich reiste damals häufig aus den USA in die Niederlande und nach Kanada. Dabei reiste ich unter meinem richtigen Namen George Van Patten und niemand wusste, dass das Jorge Cervantes ist. Das funktionierte ziemlich gut.
Als meine Grow-Videoserie für High Times herauskam, verkleidete ich mich mit dunkleren Gesichtszügen, Sonnenbrille und Barett. Die Verkleidung funktionierte hervorragend – niemand wusste, dass ich es war.

7. Wie begann deine Arbeit mit High Times?
Ich begann bereits in den 1980er-Jahren, Artikel für das Magazin zu schreiben. Im Jahr 2000 begann ich dann eine monatliche Frage-und-Antwort-Kolumne, die zehn Jahre lang lief. Zusätzlich schrieb ich gelegentlich größere Feature-Artikel. Aus meinen Feature-Artikeln machten sie zwei verschiedene Grow Specials. Beide waren schnell komplett ausverkauft.
8. Ich habe dich 2024 auf der Mary Jane Berlin gemeinsam mit Ed Rosenthal getroffen. Ihr seid beide bedeutende Persönlichkeiten der Cannabis-Kultur. Wie ist deine Beziehung zu Ed?
Ed und ich lernten uns Anfang der 1980er-Jahre kennen. Er lebt in der Bay Area in Kalifornien, während ich im Pacific Northwest (PNW) oder in Europa gelebt habe. Trotzdem schaffen wir es immer wieder, uns unterwegs auf verschiedenen Kontinenten zu sehen, vor allem auf Messen. Ed hat unglaublich viel dafür getan, Wissen über Cannabis zu verbreiten und den Weg in Richtung Legalisierung und Anbau voranzubringen.
9. Wie siehst du die Cannabis-Community heute?
Die Cannabis-Community hat sich erheblich verändert. Früher war es sehr schwierig, an gute Informationen zu kommen. Heute gibt es viele Universitäten mit Cannabis-Programmen und auch durch das Internet kann man Informationen über Cannabis viel schneller und einfacher finden. Technologie ist sehr erschwinglich geworden, wodurch Forschung wirtschaftlicher geworden ist. Daher freue ich mich sehr auf die Zukunft von Cannabis weltweit.
10. Ist Cannabis anzubauen heute einfacher, weil es mehr Informationen gibt – oder schwieriger, weil es zu viele Informationen gibt?
Cannabis anzubauen ist heute wesentlich einfacher als früher. Damals hatten wir nur wenige Bücher und der Zugang war zunächst auf die englische Sprache beschränkt, später kamen spanisch, deutsch und einige weitere Sprachen hinzu. Heute gibt es eine unglaubliche Menge an Informationen über den Cannabisanbau, die in vielen verschiedenen Sprachen leicht leicht zu finden sind. Jeder hat ein Smartphone, das er mit in den Garten nehmen kann, um Probleme direkt nachzuschlagen. Heute gibt es wesentlich weniger Einschränkungen als damals.
11. Deutschland hat 2024 den privaten Cannabisanbau legalisiert. Welchen Rat würdest du Menschen in Deutschland geben, die heute ihre ersten legalen Cannabispflanzen anbauen?
Beginnt mit guten feminisierten Samen oder Stecklingen und kauft euch, wenn möglich, ein Growzelt-Komplettset, in dem bereits alles enthalten ist. Startet mit mehr Samen, als ihr später ernten wollt. Sortiert schwache Pflanzen aus und behaltet die starken. Konzentriert euch auf die Grundlagen: Licht, Luft, Wasser, Nährstoffe und Substrat.
12. Was macht für dich persönlich gutes Cannabis aus – jenseits von THC-Werten?
Ich bin ein großer Fan von Haze und Haze-ähnlichen Sorten. Eigentlich ist für mich alles gut, was Haze enthält. Mein Go-to-Cannabis ist NL#5 x Haze. Für mich sind THC-Werte auch wichtig, aber sie sagen nicht immer etwas über die Wirkung aus. Ich liebe dieses kiefernartige Aroma und die Wirkung von Haze. Schade ist nur, dass die Blüte so lange dauert und die Pflanzen so viel Platz benötigen. Die Zeit und Energie sind aber jeden Zug am Joint wert! Vielleicht können wir das Autoflowering-Gen erfolgreich mit einem echten Haze kreuzen und dadurch eine schnell reifende Sorte entwickeln.
13. Blüten oder Hasch? Joint, Bong, Vape, Dabs? Was bevorzugst du?
Ich liebe Blüten, die zu Joints gedreht werden. Ich habe alle erwähnten Konsumformen ausprobiert und komme einfach immer wieder zum Joint mit Filtertip zurück.

14. An welchen Projekten arbeitest du heute?
Ich lebe mittlerweile in der Nähe von Barcelona in Spanien. Wir haben jahrelang in der Stadt gelebt und sind schließlich in ein ruhiges Haus mit einem großen Garten gezogen. Jetzt kann ich all die Bäume, Blumen und Gemüsepflanzen anbauen, die ich immer im Garten haben wollte.
Ich versuche, es etwas ruhiger angehen zu lassen, aber ich arbeite gemeinsam mit Stefan Meyer an einem Projekt, das datenbasierte Wissenschaft für Grower zugänglich machen soll. Ich freue mich sehr auf dieses Projekt. Es soll Growern die Möglichkeit geben, mehr und besseres Cannabis anzubauen.
15. Was möchtest du der jüngeren Generation mitgeben – mit Bezug zu Cannabis oder auch ganz allgemein?
Hilf anderen Growern. Lerne alles, was du lernen kannst und pflanze heute noch Cannabis!
