Ding Dong – wieder klingelt es an der Tür.
Donnerstagnachmittag, kurz vor Ostern. Ich stehe in einer Hamburger Anbauvereinigung und absolviere meinen ersten Tag als Budtender – oder auf Deutsch: Mithilfe bei der Abgabe. Als Mitglied habe ich die Möglichkeit, im Club bei verschiedenen Aufgaben zu unterstützen. Ganz im Sinne des KCanG. Auch gute zwei Jahre nach dem „Geburtstag“ des Gesetzes fühlt sich das immer noch surreal an.
Im Club läuft alles 100 % appgesteuert – von der Anmeldung bis zur Abgabe. Mitglieder kommen rein, zeigen ihren Ausweis und haben ihre Sorten schon vorab reserviert. Ich checke die Daten in der App, prüfe Mengen, versiegele die Beutel und schnacke kurz mit den Leuten. Alles läuft kontaktlos, Bezahlung erfolgt über ein vorab aufgeladenes Guthaben.
Etwa ein Drittel will einfach schnell rein und wieder raus. Ein weiteres Drittel ist neu oder hat Fragen. Und dann gibt’s noch die, die ein paar Minuten bleiben – für Fachsimpeln oder Smalltalk.
Von Smalltalk und Favoriten
Nach der Abgabe zeigt mir eine Helferin das Abwiegen und Verpacken der Blüten. Mit Handschuh greife ich in große Einweckgläser und versuche, die exakte Grammzahl zu treffen, ohne die Blüten zu beschädigen. Gar nicht so einfach. Die Buds rieseln durch die Hand und mit jedem Pack mehr wird man routinierter. Bloß nichts verwechseln!
Heute sind Pink Honey, Florida Gaspack und Pineapple Chunk die Bestseller. Ein Teil stammt aus einer frischen Ernte im Januar, ein Teil aus dem letzten Herbst. Angebaut wird in NRW. Anders als bei anderen Clubs gibt es hier keine fixe Abgabemenge: Die Mitglieder entscheiden selbst, wie viel sie mitnehmen. Im Schnitt sind es etwa zehn Gramm – manche mehr, manche weniger.

Verpackt wird alles in Bags mit QR-Code, über den man alle Infos zur Charge sowie ein Informationsblatt zu den Risiken des Konsums abrufen kann. Die Grammzahl wird notiert und dem jeweiligen Mitglied zugeordnet. Gelagert wird in großen Gläsern im Weinkühlschrank bei konstant 16 °C, mit Feuchtigkeitskontrolle im Deckel.
Wer nutzt Anbauvereine heute?
Das Publikum ist gemischter als man denkt: ungefähr 25 bis 55 Jahre, alles dabei. Ein Mann, der mehrere Personen im Haushalt pflegen muss und kaum zum Schlafen kommt und einfach mal abschalten will. Eine Frau, die ihrer Lieblingsband dutzende Male hintergereist ist. Es fällt auf, dass man hier mehr Frauen sieht, die sonst oft unterrepräsentiert in der Community sind.

Nach der Öffnung kommen die Leute im 10–15-Minuten-Takt. Die Zeit vergeht schnell, die Stimmung ist entspannt, und ich freue mich, bei diesem Moment dabei zu sein.
Mehr Informationen zu Anbauvereinigungen:
Aktuell gibt es rund 400 Anbauvereinigungen in Deutschland. Nach einer intensiven Woche stehen sie wieder im Fokus – u. a. durch den Ekocan-Bericht. Wissenschaftler fordern, Zugangsbarrieren zu reduzieren und die Bürokratie zu vereinfachen, damit mehr Menschen Zugang bekommen. Die ersten Schritte sind gemacht, und viele Pioniere haben eine Menge Zeit, Geld (oft das eigene) und Energie investiert, um diese Clubs aufzubauen. Außerdem warten auch viele Konsumenten auf Fortschritte der zweiten Säule des CanG.
In größeren Städten gibt es für fast jeden Geschmack etwas – aber auch auf dem Land tut sich einiges.
Update 1: Dieser Beitrag wurde kontrovers auf Reddit diskutiert, weil ich den Begriff “Budtender” genutzt habe. Der Poster war der Meinung, dass ich keine Ahnung habe von Dingen, die ein Budtender macht und somit keine Berechtigung besitze, ihn zu nutzen. Er kennt mich eigentlich gar nicht. Mir fiel kein passenderer Begriff ein und daher habe ich ihn genutzt.
Update 2: Mittlerweile hat Niedersachsen als erstes Bundesland eine Liste aller genehmigten Anbauvereine veröffentlicht.
