Als ich nach Hause komme, steckt ein dicker brauner Umschlag in meinem Briefkasten. Post aus Spanien. Mit Vorfreude öffne ich das Paket und ziehe “The Grand History of Cannabis: The Dutch” heraus. Liebevoll gestaltet, erzählt es die wichtigsten Meilensteine der Gegenkultur in den Niederlanden, der einflussreichen Personen und Ereignisse, welche aus dem Land eines der interessantesten Cannabis-Biotope in Europa gemacht haben.
Ein gutes Jahr später stehe auf der Mary Jane im Vybz-Garden und treffe die Macher des Projektes. In einer Art Outdoor-Atelier präsentieren Stefan, Gründer vom CSC „La Crème Gràcia“ in Barcelona und Mossy Giant, Künstler und Illustrator, die neue Ausgabe: Mexiko. Lest hier eine Reportage und das Interview.



Wie Mossy Giant und Stefan das Projekt starteten
Mossy erzählt von den ersten Schritten. „Das „Grand History of Cannabis“-Projekt ist vor etwa dreieinhalb Jahren entstanden, als Stefan auf mich zugekommen ist. Er hatte die Idee, seinem CSC in Barcelona einen neuen Impuls zu geben und gleichzeitig neue Kunst einzubringen, aber auch ein historisches Werk über Cannabis zu schaffen.
Für mich als Künstler gingen sofort alle Alarmglocken an, ich war begeistert. Wir haben uns darauf geeinigt und einfach angefangen, ohne festen Plan, nur mit dem Ziel, es gut zu machen und Spaß daran zu haben.
Dann haben wir das Ganze während der Spannabis-Woche 2023 im Club „La Crème Gràcia“ in Barcelona ausgestellt, und die Reaktion war überwältigend. Die Leute waren begeistert und haben sich selbst in der Kunst wiedergefunden, so dass wir beschlossen haben, weiterzumachen. Zuerst haben wir die niederländische Cannabiskultur bearbeitet und hier in Berlin auf der Mary Jane 2026 veröffentlichen wir die Mexiko-Ausgabe des Projekts. Das ist erst der Anfang von mehreren Kapiteln, die noch folgen werden.“



Mossys Weg zum „van Gogh“ des Cannabis
Das Mossy auf das Thema Cannabis kam, entwickelte sich. „Als ich als Künstler nach meinem Studium angefangen habe, war ich auf der Suche nach einem Stil und einer Arbeitsweise. Ich bin ausgebildeter Grafikdesigner und mein Mitbewohner hat mich damals mit Cannabis in Kontakt gebracht.
Er gab mir das Buch „The Emperor wears no clothes“ von Jack Herer. Das hat bei mir sehr viel ausgelöst. Ich habe mich gefragt, warum wir so wenig über diese Pflanze wissen und warum sie so stark stigmatisiert ist.
Danach habe ich angefangen, mehr cannabisbezogene Arbeiten zu machen und hatte dann auch meinen ersten Kunden im Cannabisbereich: Exotic Seed, eine Seedbank aus Madrid. Den Kontakt halte ich bis heute. Das war der Einstieg in diese Kultur.
Ich habe mir gedacht: wenn ich schon etwas gestalten kann, dann für etwas, an das ich glaube – und das ist die Cannabispflanze. Von da an ist es einfach immer weitergewachsen. Es ist schön zu sehen, dass Menschen da auch emotional so stark darauf reagieren.“
Stefan schaltet sich ein und es wird klar, dass es sich hier um echtes Herzensprojekt handelt:
„Ich denke, das ist sehr emotional. Wenn man etwas schafft, das einen echten Beitrag für eine Stadt oder eine Community leisten kann, dann entsteht eine andere Verbindung. Für mich ist es ähnlich, ich hatte früher einen anderen Job, aber ich wollte etwas machen, das Sinn ergibt. Es geht nicht um Ego oder Erfolg, sondern um Beitrag und Bedeutung.“
Ein Social Club in Barcelona als Begegnungsort
Und auch in seinem Club „La Crème Gràcia“ soll man diese Leidenschaft spüren, es ist kein Touristenclub zum Abverkauf, das ist nicht Stefans Sache.
„Der Club ist für mich besonders, weil ich aus Frankreich gekommen bin, wo ich rechtliche Probleme hatte. Ich hatte damals zwei Möglichkeiten: entweder komplett aufhören mit Cannabis oder weitergehen und mehr Risiko eingehen. Für mich ging es nie um Geld oder Ego, ich sehe mich eher als Cannabis-Refugee.
Es gibt viele Menschen wie mich, die ihr Land verlassen mussten, um irgendwo leben und arbeiten zu können, wo sie Würde haben. Der Club war deshalb nicht einfach nur ein Club. Als er da war, musste ich entscheiden, was ich damit mache. Ich wollte etwas Romantisches schaffen, etwas mit Herz.
So bin ich auch mit Mossy Giant und Pieter zusammengekommen, einem Künstler, der sehr detailverliebt arbeitet und viel Liebe in seine Arbeit steckt. Er ist ein bisschen wie ein moderner Cannabis-Van-Gogh, nur mit zwei Ohren. Über Soma, der ebenfalls Teil dieses Netzwerks war, haben wir uns verbunden und viele Projekte gestartet, bis dieses hier zum Zentrum unseres Lebens wurde. Es ist inzwischen ein kollektives Projekt, auch finanziert durch die Club-Mitglieder.“

Der Club ist eine Art Kunstgalerie, ein Ort für inspirierende Begegnungen mitten in Barcelona.
„Wir zeigen dort die Arbeiten von Mossy Giant, aber auch Bücher, historische Inhalte und QR-Codes, über die man zusätzliche Inhalte abrufen kann. Viele Leute bleiben sehr lange, manche schauen sich die Arbeiten intensiv an. Es hat keinen typischen Cannabis-Club-Vibe, es gibt keine Klischees. Es ist ein besonderer Ort.“
Nicht nur „kiffen“ – sondern Verbindungen schaffen, die nachhaltiger sind
„Die Idee war, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen aus allen Bereichen zusammenkommen können – Aktivisten, Grower, Künstler, Konsumenten oder auch Leute ohne direkten Bezug zu Cannabis. Ein Raum für Austausch, ähnlich wie alte Teehäuser in Frankreich, wo Menschen Ideen geteilt haben.
Über die Jahre haben uns viele wichtige Menschen besucht, unter anderem unsere „Helden“ der Szene wie Soma, Ed Rosenthal oder Mila, und viele andere. Sie haben sich dort zuhause gefühlt, ohne kommerziellen Druck, einfach um zu sitzen, zu rauchen, Kunst anzuschauen und Geschichten zu teilen.“



Ein Erinnerungsraum für Menschen, die sonst nicht repräsentiert werden
„In gewisser Weise ist es ein Memorial. Viele der Menschen, die diese Kultur aufgebaut haben, sind in offiziellen Erzählungen gar nicht vertreten. Sie haben aber viel geopfert – Freiheit, Gesundheit, Familie oder sogar ihr Land. Es ist unsere Aufgabe, diese Geschichten nicht verschwinden zu lassen.“ Genau das ist auch das Ziel der neuesten Ausgabe: Mexiko.
“Ohne Mexiko gäbe es die heutige Cannabis-Kultur in Europa und den USA nicht“
Stefan erzählt: „Cannabis ist keine rein amerikanische Geschichte. Die Pflanze kam ursprünglich als industrieller Rohstoff nach Amerika. Es waren die mesoamerikanischen Kulturen, die daraus das entwickelt haben, was später als Marihuana bekannt wurde. Sie haben die Pflanze über Jahrhunderte gepflegt und weitergetragen und damit die Basis für die Verbreitung in Nordamerika geschaffen. Ohne Mexiko würde diese Geschichte nicht vollständig existieren, vielleicht nicht einmal die europäische Perspektive darauf. Es ist ein oft übersehener, aber wichtiger Teil der gesamten Cannabishistorie.“



Das nächste Buch von „Grand History of Cannabis“: Die USA
Nachdem Mexiko nun im Handel ist, frage ich, wie es weitergeht. Mossy erzählt, welches Land nun im Fokus steht.
„Als nächstes arbeiten wir an der USA-Ausgabe. Das ist wahrscheinlich das schwierigste Kapitel, weil jeder glaubt, die Geschichte schon zu kennen. Deshalb wollen wir tiefer gehen, versteckte Ebenen finden und weniger Bekanntes erzählen. Wir haben bereits mit der Recherche begonnen. Es ist eine große Herausforderung, aber genau das macht es spannend.“
Stefan ergänzt: „Es ist inzwischen ein Lebensprojekt geworden. Wir haben unser ganzes Leben darum organisiert. Und wir stehen eigentlich noch ganz am Anfang.
Wenn man die eigentliche Geschichte betrachtet, dann geht es nicht nur um die letzten Jahrzehnte, sondern um eine viel größere Entwicklung. Es ist im Grunde ein Abenteuer über vielleicht 12.000 Jahre. Cannabisgeschichte ist verbunden mit Migration, Handel, Landwirtschaft und kultureller Transformation über sehr lange Zeiträume hinweg.
Ich habe zum Beispiel viel über die niederländische Geschichte gelesen, über Revolutionen und auch über die Geschichten von Schiffen, auf denen Pflanzen und Hanf transportiert wurden, besonders in den 60er Jahren und über die Gegenkultur. Diese Verbindungen zeigen, wie stark Cannabis in globale Bewegungen eingebettet ist.
Und genau diese Perspektive ist wichtig, weil sie zeigt: Es geht nicht nur um eine Subkultur, sondern um eine sehr lange, sehr komplexe Kulturgeschichte, die viele Gesellschaften geprägt hat – oft ohne, dass sie heute noch sichtbar ist.“
Vielen Dank Mossy und Stefan – dieses Projekt berührt mich sehr und ich wünsche Euch viel Erfolg für die weiteren Ausgaben!
Unterstützt das Projekt und die Macher hier – die mexikanische Ausgabe gibt es in Englisch und Spanisch:
Website: The Grand History of Cannabis
Instagram: The Grand History of Cannabis
„La Crème Gràcia“ CSC auf Instagram
Weitere Reportagen findet ihr hier bei uns
